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Plagiarius 2025: Kein Kavaliersdelikt, sondern schwere Straftat!
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Trophäe des Schmähpreises ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase. Sie symbolisiert die Profite der Nachahmer.
Fälschungen und Imitate schaden Wirtschaft, Umwelt und Verbrauchern – und fördern die organisierte Kriminalität
Die „Aktion Plagiarius“ hat am 7. Februar 2025 zum 49. Mal ihren gefürchteten Negativpreis an Hersteller und Händler dreister Plagiate und Fälschungen verliehen. Die Schmähpreisverleihung fand im Rahmen der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ statt. Hauptrednerin war Dr. Maria Skottke-Klein, die Vizepräsidentin des Deutschen Patent- und Markenamts.
Ziel der „Aktion Plagiarius“ ist es, die Innovationskraft und das geistige Eigentum von Unternehmen und Kreativen zu schützen. Dafür rückt sie die skrupellosen Geschäftsmethoden von Fälschern ins öffentliche Bewusstsein und sensibilisiert Industrie, Politik und Verbraucher für die Problematik.
Enormer wirtschaftlicher Schaden
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DPMA-Vizepräsidentin Dr. Maria Skottke-Klein (rechts) mit dem Plagiarius-Team
„Produkt- und Markenpiraterie schadet unserer Wirtschaft, kostet viele Arbeitsplätze und gefährdet Sicherheit und Gesundheit von Verbraucherinnen und Verbrauchern“, betonte Dr. Maria Skottke-Klein in ihrer Rede. „Wer gefälschte Waren kauft, unterstützt oft unbewusst organisierte Kriminalität und damit schwere Straftaten. Als Deutsches Patent- und Markenamt schaffen wir Bewusstsein für das Problem, unterstützen betroffene Rechteinhaber und treten in Zusammenarbeit mit unseren Partnern international dafür ein, dass Unternehmen ihre eingetragenen Schutzrechte auch durchsetzen können.“
Der Handel mit Billigprodukten und Plagiaten boomt: Allein 2024 erreichten 4 Milliarden zollfrei deklarierte Pakete aus Drittstaaten die EU, berichtet „Aktion Plagiarius“. Über 85% der Produkte von Online-Plattformen wie Temu, Shein und Alibaba sollen gegen EU-Sicherheitsstandards und -Vorschriften verstoßen.
Im Jahr 2023 wurden an den EU-Außengrenzen und im EU-Binnenmarkt insgesamt mehr als 152 Millionen gefälschte Artikel mit einem geschätzten Wert von etwa 3,4 Milliarden Euro beschlagnahmt, so die Europäische Kommission und das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO). Das entspricht einem Anstieg von 77% bei der Anzahl der Waren (2022: 86 Mio.) und einem Anstieg von 68% des geschätzten Gesamtwerts (2022: 2 Mrd. EUR). Und das sind nur die nachweislichen Aufgriffe von Zoll- und Polizeibehörden - die Dunkelziffer ist wohl deutlich höher.
Geistiges Eigentum ist Grundpfeiler der Wirtschaft
„Die wirtschaftliche Bedeutung geistigen Eigentums ist gerade in Deutschland immens und daher ist der Schaden, den Produkt- und Markenpiraterie verursachen, enorm“, so Skottke-Klein bei der Negativ-Preisverleihung: „Laut EUIPO erwirtschaften hierzulande Branchen, deren Geschäft besonders stark auf Schutzrechten des geistigen Eigentums – also auf Patenten, Gebrauchsmustern, Marken und Designs – aufbaut, fast die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts. Ihnen gehören rund ein Drittel aller Beschäftigten in Deutschland an.“
Einnahmen in Höhe von fast 4 Milliarden Euro gingen laut dem EUIPO deutschen Unternehmen durch Produkt- und Markenpiraterie zwischen 2018 und 2021 verloren. Besonders stark betroffen sind die Bekleidungs-, Kosmetik- und Spielzeugindustrie. Zudem habe der Handel mit Fälschungen diese Branchen rund 40.000 Arbeitsplätze gekostet, berichtete Skottke-Klein weiter.
Zum Umdenken anregen
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Der Erfolg von Billigprodukten basiert leider auf Akzeptanz und hoher Nachfrage, so „Aktion Plagiarius“ - und auf mangelnder Kontrolle und Sanktionierung sowohl der Anbieter als auch der Plattformbetreiber. Der Handlungsbedarf sei immens: Europäische Wirtschafts- und Handelsverbände forderten von der Politik schnelles Handeln und eine konsequente Durchsetzung der EU-Standards, auch gegen Händler aus Drittstaaten.
Innovationen sind keine Selbstverständlichkeit. Sie verdienen Respekt und Schutz, so „Aktion Plagiarius“: In jedem Originalprodukt steckt neben Kreativität und technischem Know-how auch Mut, denn Kreativschaffende und Markenhersteller gehen finanziell in Vorleistung. Dieses unternehmerische Risiko muss sich lohnen. Der Schutz innovativer Produkte vor Nachahmung ist elementar.
Ein Großteil der Fälschungen und Billigprodukte sind aus minderwertigen Materialien gefertigt, schlecht verarbeitet und haben nie eine Qualitätskontrolle durchlaufen. Neben Sicherheitsmängeln fehlen auch oft eine CE-Kennzeichnung, die (gesetzliche vorgeschriebene) Angabe eines Vertreters in der EU oder eine Bedienungsanleitung in der Landessprache des Empfängers. Zum Schutz der Verbraucher sowie der EU-Hersteller und Händler müsste ein Großteil dieser Produkte bereits bei der Einfuhr beschlagnahmt und aus dem Verkehr gezogen werden, so „Aktion Plagiarius“.
Für fairen Wettbewerb und kreative Vielfalt!
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Seit 2022 ist das DPMA auch dafür zuständig, die allgemeine Öffentlichkeit für das Thema „geistiges Eigentum“ zu sensibilisieren und über die Schäden, Gefahren und Risiken der Produktpiraterie aufzuklären, so Skottke-Klein. „Wir nehmen diesen gesetzlichen Auftrag mit viel Engagement wahr und haben bereits zahlreiche Kooperationen mit Schulen und Hochschulen, sowie seit vielen Jahren eine intensive Kooperation mit dem Zoll, um die Konsumenten, insbesondere die jungen, für das Problem der Marken- und Produktfälschungen zu sensibilisieren.“
Zudem arbeite das DPMA eng mit seinen europäischen Partnern zusammen, beispielsweise der Beobachtungsstelle für Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums, um gemeinsam und grenzüberschreitend das Ausmaß und die Gefahren der Produkt- und Markenpiraterie zu identifizieren und Problemlösungen zu erarbeiten. Hierzulande vernetzt das DPMA die nationalen Strafermittlungsbehörden und Staatsanwaltschaften, um den Informationsaustausch bei der Bekämpfung von Produkt- und Markenpiraterie zu verbessern.
Plagiarius 2025: Alle "Preisträger"
"1. Preis": Plagiate zur Front- und Seitengreifzange "KNIPEX TwinGrip"
Original: KNIPEX-Werk C. Gustav Putsch KG, Wuppertal, Deutschland
Plagiate: Vertrieb über temu.de / Betreiber: TEMU Whaleco Technology Limited, Irland
Aus gutem Grund sichert Knipex seine Produkte mit Patenten und eingetragenen Designs ab: Auf den weltweit agierenden Online-Plattformen werden tausendfach Plagiate angeboten. Knipex prüft ständig und lässt verletzende Produkte löschen, auch diese zwei "TwinGrip"-Plagiate.
Optisch unterscheiden sich die Plagiate vom Original nur durch den glatten Kunststoff der Griffe. Die minderwertige Qualität zeigt sich in einer geringeren Lebensdauer durch billige Materialien und Verarbeitung sowie an dem schwer zu bedienenden Druckknopf – und an chemischen Ausdünstungen.
"2. Preis": Plagiat des Fahrradkorbs „bikebasket“
Original: Reisenthel Accessoires GmbH & Co. KG, Gilching, Deutschland
Plagiat: Vertrieb über manomano.de / Betreiber: Colibri SAS – ManoMano, Paris, Frankreich; Name des Händlers: „START“ (keine Firmen- und Kontaktdaten hinterlegt)
Dubios! Das Impressum des Online-Händlers „START“ ist leer, und Paket-Absender des Testkaufs ist „From: Shipper only, not seller“ in Kelsterbach. Und Colibri, der Betreiber des Online-Marktplatzes manomano erklärt, dass er nur die technische Möglichkeit zur Nutzung durch Händler und Käufer zur Verfügung stellt und nicht Vertragspartei ist. Wer haftet nun oder ist Ansprechpartner des Käufers bei Widerruf?
Reisenthel schützt all seine Designs EU-weit und geht gegen die unzähligen Billig-Nachahmer seiner Bestseller vor.
"3. Preis": Grußkarten-Motiv als Dekor für eine Porzellan-Serie benutzt
Original-Karte: Atelier Jörg Mohme, Malsch, Deutschland
Plagiate: Vertrieb über einen französischen Geschenkartikel-Großhändler; Herstellung: VR China
Kreativität, Talent, Ideenreichtum und Erfindergeist verdienen Wertschätzung und Schutz. Das geistige Eigentum des Künstlers Jörg Mohme, nämlich das Motiv aus der Reihe „Afrikanische Impressionen“, hat ein französischer Händler als Dekor für eine 35-teilige, sehr gut laufende Porzellanserie benutzt. Entdeckt wurden die Plagiate nur zufällig. Da der Händler uneinsichtig war und die Urheberrechtsfähigkeit bestritt, reichte Mohme Klage ein. Es folgte ein neunjähriger Prozess. Das Gericht in Lyon bestätigte den urheberrechtlichen Schutz des Originals sowie das Vorliegen einer Rechtsverletzung und verurteilte den Händler zu Unterlassung und Schadenersatz in erheblicher Höhe. Die einfache, faire Lösung wäre eine Anfrage zur Nutzung des Motivs gegen Lizenzgebühr gewesen.
"Auszeichnung": Plagiat des Insektenstichheilers „BR 60“
Original: Beurer GmbH, Ulm, Deutschland
Plagiat: Hersteller: Hangzhou Industrial Instrument Meter Co., Ltd., Hangzhou, VR China; Vertrieb: u.a. über 1688.com und andere eCommerce-Plattformen
Das Traditionsunternehmen Beurer hat mit dem BR 60 ein Instrument zur Behandlung von Insektenstichen entwickelt. Nicht nur das Design des BR 60 wurde kopiert und irreführende Werbebehauptungen getätigt - das Plagiat beansprucht eine medizinische Funktion, ohne die strengen Anforderungen und Prüfungen der EU für Medizinprodukte durchlaufen zu haben. Mehr als genug Gründe für den deutschen Online-Händler, den Verkauf des Plagiats zu stoppen. Dreist: Der chinesische Hersteller hat in der Volksrepublik Designschutz für sein Plagiat eintragen lassen und bietet es online in großen Stückzahlen an.
"Auszeichnung": Nachahmung des Spielzeug-Mobilbagger „BRUDER ROADMAX“
Original: BRUDER Spielwaren GmbH + Co. KG, Fürth, Deutschland
Plagiat: Vertrieb: Brigamo GmbH, Bellheim, Deutschland (über amazon.de; wurde gesperrt); Großhändler: Shantou Tombo Toys Co., Ltd., Guangdong, VR China (u.a. über made-in-china.com); Hersteller: Jinjia Toys Factory, Guangdong, VR China
Alle Spielfahrzeuge der Bruder Spielwaren werden in Fürth entwickelt und in der EU produziert. Oft sind es Modelle, die einem echten Bau- oder Landwirtschafts-Fahrzeug entsprechen und die in Lizenz als Spielzeug entwickelt werden. Immer öfter sind es aber wie hier Eigenkreationen, für die es keine reellen Vorbilder gibt. Nachahmer aus aller Welt kopieren seit Jahren ungeniert das erfolgreiche Bruder-Design – der Kunststoff ist jedoch meist minderwertig und bricht schnell, so dass Verletzungsgefahr besteht. Bruder schützt daher all seine Designs und technischen Lösungen international und zieht Nachahmer konsequent zur Rechenschaft.
"Auszeichnung": Nachmacher des Kühlergrills „Mercedes-Benz Star Pattern“
Original: Mercedes-Benz Group AG, Stuttgart, Deutschland
Fälschung: Vertrieb: JB CUSTOMS, Pedreguer, Spanien
Von wegen Schnäppchen: Die rechtsverletzende Marken- und Designfälschung von JB Customs ist ca. 150 Euro teurer als das Originalprodukt! Und dieser Kühlergrill ist nicht die einzige Fälschung im Sortiment. Verletzt werden u.a. die Bildmarken des "Mercedes-Benz-Sterns" sowie Produktdesigns. Da JB Customs auf eine Abmahnung keinerlei Reaktion zeigte, hat Mercedes-Benz eine einstweilige Verfügung beantragt und durchgesetzt – der Verkauf wurde gestoppt.
Viele Fälschungen können nicht zu unterschätzende Risiken bergen, wie eine mangelhafte Passform, eine Beeinträchtigung der Funktionalität von Sensoren und Kameras und somit von Sicherheitsassistenten.
"Auszeichnung:" Kopie des Recycling-Müllsystems „ALBULA“
Original: Rotho Kunststoff AG, Würenlingen, Schweiz
Plagiat: Vertrieb: Zhejiang Senshu International Trade Co., Ltd., VR China; Hersteller: Zhejiang Woka Home Product Co., Ltd., VR China
Im Internet kursieren zahlreiche Nachahmungen des innovativen und designprämierten Systems "Albula" des Traditionsunternehmens Rotho. Die Abmessungen und Proportionen sind identisch zum Original und das Design ist bis ins letzte Detail kopiert: Vom abnehmbaren Deckel mit integrierter Klappe, den Tragegriffen mit patentierten Rastverschluss-Knöpfen bis hin zur farblichen Abgrenzung von Container, Deckel und Griffen. Rotho ist regelmäßig von Plagiaten betroffen und geht konsequent gegen Design- und Patentverletzungen vor.
"Auszeichnung:" Plagiat des isolierten Schraubendrehers „Proturn“
Originale: Wiha Werkzeuge GmbH, Schonach, Deutschland
Plagiate: Händler: Guangzhou City Group Trade Co., Ltd., VR China; Hersteller: Dongguan Yile Electronic Commerce Co., Ltd., VR China
VDE-Registrierung gemäß DIN EN IEC 60900? Fehlanzeige bei den Plagiaten! Beworben werden sie trotzdem als „isolierte“ Schraubendreher für Elektriker. Tests zeigen, dass sie die Anforderungen der internationalen Norm nicht erfüllen, es besteht die Gefahr eines Stromschlags!
Unübersehbar sind auch die Qualitätsunterschiede bei Materialien und Verarbeitung. Die Wiha-typische Form und Farbkombination der Griffe wurde 1:1 kopiert, was zur Irreführung bezüglich der Herkunft führen kann. Wiha lässt Billig-Plagiate regelmäßig auf eCommerce-Plattformen löschen.
Plagiarius-Preisträger 2025 ab 14. Februar im "Museum Plagiarius"
Das " Museum Plagiarius" in Solingen zeigt in seiner Ausstellung mehr als 350 Plagiarius-"Preisträger" der unterschiedlichsten Branchen - jeweils Originalprodukt und Plagiat im direkten Vergleich. In Führungen werden Fakten und Hintergründe vermittelt. Exponate können zudem bei der "Aktion Plagiarius" für individuelle externe Ausstellungen gebucht werden; ebenso wie Vorträge für unterschiedlichste Zielgruppen.
So schützen Sie sich vor Produktpiraterie
Unterstützen Sie keine kriminellen Netzwerke und achten Sie daher beim Kauf von Produkten, insbesondere im Online-Handel, verstärkt auf die Echtheit der angebotenen Waren.
Unter den folgenden Links finden Sie hilfreiche Tipps:
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Aktion Plagiarius e.V.
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So schützen Sie sich vor Produktpiraterie - Infoseite der Europäischen Kommission
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Produktpiraterie im Urlaub und online: Fake-Marken erkennen
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Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie
Bilder: Aktion Plagiarius e.V., DPMA/Huber, DPMA/Seitz
Stand: 24.02.2025
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